Die Schlacht im Showtheater
Scheinwerfer, Rauch und ein fassungsloses Publikum.
Doch dies ist keine Aufführung – dies ist ein Aufstand.
Die Geister erheben sich, die Erinnerungen erwachen –
und Anne verschwindet im Chaos.
Endlich! Da war sie! Kaum hatten die Scheinwerfer sie erfasst, ließen sie sie nicht mehr los. Aber Moment mal – worauf flog sie da eigentlich? Das war ja gar kein Besen, sondern irgendein alter knochiger Vogel mit nur einem Bein. Seltsam... sollte das etwa ein lächerlicher Scherz sein?
In genau diesem Moment wurde der Saal von Licht überflutet, und die Aufmerksamkeit des Publikums richtete sich auf etwas weitaus Spektakuläreres. Mitten auf der Bühne – genau wie in den Zeitungen beschrieben – standen fünf große Metallkäfige, gesichert mit Schlössern und schweren Ketten. Und darin – Himmel! – befanden sich tatsächlich die Gespenster selbst, viel schrecklicher, als es irgendein Journalist hätte beschreiben können. Monströse Wesen in unmenschlicher Gestalt, wie Albträume aus dem Kopf eines Schwerkranken. Im grellen Licht war jedes grausige Detail zu sehen: die blutunterlaufenen, ausgehöhlten Augen eines riesigen struppigen Bären, der kahle Schädel der Frau-Skelett, das Clownsgesicht wie ein wurmstichiger Apfel, der gewaltige einbeinige, einarmige Dinosaurier... Im Publikum hörte man Wimmern; irgendwo begannen Kinder zu weinen...
Genau im richtigen Moment schwoll die große Musik aus dem Vorspann der Show an und übertönte jeden Anflug von Unruhe. Inzwischen war die Hexe auf der Bühne gelandet, ihr knochiger Begleiter noch immer an ihrer Seite. Langsam ging sie auf einen der Käfige zu – doch statt zu tanzen, griff sie durch die Gitterstäbe… und strich dem riesigen Bären über sein struppiges Fell. Er hätte sie mit einem einzigen Prankenhieb zerschmettern können.
Was war hier los? Das Publikum starrte wie hypnotisiert auf die unglaubliche Szene. Donnerwetter – Herr Heino hatte sich wirklich selbst übertroffen! Wenn er Gespenster zähmen konnte, dann musste die Kontrolle über normale Waldbewohner ja ein Kinderspiel für ihn sein.
„Heino, erinnerst du dich an mich?“, krächzte der seltsame knochige Vogel durch die Lautsprecher und hielt plötzlich ein Mikrofon in der Klaue, das niemand bemerkt hatte. „Es ist wohl Zeit, sich nach all den Jahren wiederzusehen! Offenbar hatten die Götter doch noch ein wenig Gerechtigkeit für mich übrig. Hier – ein kleines Geschenk aus der Scharnierwelt!“
Er schwang den Arm – Boom! – ein lauter Knall hallte mitten über die Bühne. Eine scharfe Rauchwolke schoss hervor, dann eine zweite, eine dritte, eine vierte... Schon bald war die ganze Bühne in dichten schwarzen Nebel gehüllt. Schreie stiegen aus dem Publikum auf.
Die Musik verstummte. Eine Stille senkte sich über den Saal. Dann – wie in einem unerträglichen Albtraum – ertönte das lange Kreischen eines sich öffnenden Metalltors. Nein... das konnte nicht sein. Alles, nur nicht die Käfige!
„Grrr!“ Ein tiefes, kehliges Knurren rollte durch die Dunkelheit. „Grrrrrrr!“
Jetzt war es klar: Jemand öffnete die Käfige. Augenblicke später brachen aus dem dichten Rauch die Gespenster hervor – wild brüllend, mit schäumenden Mäulern, bereit, Feuer und Verwüstung über alles zu bringen, was sich ihnen in den Weg stellte.
Chaos brach aus. Menschenmassen stürmten zu den Ausgängen und trampelten alles nieder, was ihnen im Weg stand. Die Spinnenwachen schrien vergeblich und versuchten, wenigstens einen Rest von Ordnung wiederherzustellen. Aber nichts konnte die Panik noch aufhalten. Wie auch, wenn die Monster, vor denen ihre Kinder sich am meisten fürchteten, nun über ihren Köpfen flogen – wirklich, greifbar, so real wie der Tod?
Gedanken zur Szene
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Endlich – Rache. Aber nicht die glorreiche, saubere Art von Rache. Nein, das hier ist das reine Chaos: Rauch, Schreie, Panik, eine stampfende Menschenmenge. Die Gespenster sind frei. Die Arena gehört ihnen.
Diese Szene markiert den Wendepunkt des zweiten Buches. Bis jetzt hat Anne nur auf die Züge der anderen reagiert. Hier aber liegt die Initiative zum ersten Mal auf ihrer Seite – dank Scharnier, der alte Räubermöwe, einst Heinos Komplize und nun sein erbittertster Feind. Mit seiner krächzenden Stimme und seiner rauchigen Theatralik wird Scharnier zum unwahrscheinlichen Dirigenten eines Aufstands, der seit Jahrzehnten in der Luft lag.
Die Befreiung der Gespenster wirkt zugleich erschreckend und triumphal. Sie schleichen nicht vorsichtig aus ihren Käfigen. Sie brechen hervor wie rasende Furien, getrieben von Jahren der Erniedrigung. Ihre Gewalt ist verstörend, aber nicht sinnlos – sie ist der Schrei der zum Schweigen Gebrachten, die Wut der Gebrochenen.
Und doch hat selbst dieser Sieg seinen Preis. Im Durcheinander verliert Anne den Überblick. Derselbe Rauch, der die Gespenster schützt, versperrt ihr den Weg. Allein, orientierungslos, stürzt sie – und wird ausgerechnet von den Kräften gefangen genommen, die sie besiegen wollte.
Es ist eine harte Erinnerung daran, dass selbst die besten Pläne scheitern können. Dass Freiheit, wieder einmal, Opfer verlangt. Die Gespenster sind frei – aber das Mädchen, das sie befreit hat, liegt nun selbst in Ketten.